Deutscher Gewerkschaftsbund

28.11.2018
Interview mit ver.di-Vorstand Lothar Schröder

"Gewerkschaftsarbeit muss digitaler werden"

ver.di-Vorstandsmitglied Lothar Schröder ist Mitglied in der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ des Deutschen Bundestags. Im Interview erklärt er, was nötig ist, damit Betriebsräte schlaue Software überwachen können und was der Computer HAL 9000 aus Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltall“ mit unserer digitalen Zukunft zu tun hat.

Menschliche Hand und Roboterarm als Comiczeichnung

DGB/Валерий Качаев/123RF.com

Was bedeutet Künstliche Intelligenz eigentlich?

Ich mag den Begriff Künstliche Intelligenz nicht. Ich verwende lieber den Begriff des Machine Learning – also maschinelles Lernen. Das ist wissenschaftlich zwar etwas unpräzise, beschreibt aber viel besser, um was es geht: Maschinen lernen selbstständig.

Damit ändern sich aber die Spielregeln.

Genau, Lernprozesse und die daraus resultierenden Innovationen haben in der Geschichte zu großen Veränderungen geführt. Mit lernenden Maschinen wird diese Fähigkeit zum Lernen nun besitzbar. Die Digitalisierung hat bereits dazu geführt, dass sich riesige Oligopole gebildet haben – siehe den Google-Mutterkonzern Alphabet, Amazon und Co. Eine zentrale Frage lautet deshalb: Was passiert, wenn diese Oligopolisten nun auch noch lernende Maschinen besitzen?

Lothar Schröder, IT-Experte und ver.di-Bundesvorstandsmitglied

Lothar Schröder, 58, ist seit 2006 Mitglied im ver.di-Bundesvorstand und Leiter des Fachbereichs Telekommunikation, IT, Datenverarbeitung. ver.di

Wie ist der Entwicklungsstand?

Viele Menschen haben HAL 9000 aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum oder den Terminator vor Augen, wenn es um schlaue Maschinen geht – beides sind eher dystopische Bilder einer universellen Intelligenz. Das halte ich für abwegig. Im Alltag sind wir bereits von vielen Anwendungen umgeben, die selbst lernen: Suchmaschinen, Entscheidungshilfen beim Online-Shoppen, Optimierung in der Logistik oder auch kurze Nachrichtentexte, wie etwa Sport- und Finanznachrichten, die von Maschinen geschrieben wurden.

Andererseits ist der durchschnittliche Sprachroboter in der Telefonhotline weiterhin eher schlicht.

Maschinen sind dann gut, wenn sie regelbasierte Prozesse auswerten und im Fall der Nachrichtentexte in Standards übersetzen können. Das machen sie schon gut, oft merken wir nicht, ob wir mit einer Maschine kommunizieren. Sobald aber Emotionen und Mehrdeutigkeiten, die interpretiert werden müssen, eine Rolle spielen, wird es für Maschinen schwierig.

Wo geht die Reise hin?

In der Medizin wird es deutliche Verbesserungen geben, etwa bei der Analyse von Röntgen- oder MRT-Bildern. Maschinen können hier mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, ob Menschen Krebs haben. In anderen Bereichen können eintönige Routinetätigkeiten von Maschinen übernommen werden. KI kann Produktivitätszuwächse generieren. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe die Effizienzpotenziale dorthin umzuverteilen, wo es Bedarf gibt. Das ist zum Beispiel die Pflege, die Empathiearbeit. Mediziner und Pfleger sollen sich zum Beispiel eingehender mit Patienten über die Behandlung unterhalten können und im öffentlichen Dienst soll mehr Zeit für die Bürger da sein – das wäre Fortschritt, den wir mit KI erwirtschaften könnten.

Trotzdem machen sich die Menschen Sorgen.

Viele Menschen haben Ängste und Sorgen: Wer steuert – der Mensch die Maschine oder umgekehrt? Wie steht es um meinen Arbeitsplatz? Aber auch die Angst vor autonomen Waffensystemen ist da. Und natürlich gibt es ein großes Missbrauchspotenzial. Das alles sind berechtigte Einwände, wenn lernende Maschinen zum Einsatz kommen.

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Wie erkennen Menschen Entscheidungen, die Maschinen getroffen haben?

Unternehmen sollten Menschen mitteilen, wenn sie Kontakt zu einer Maschine zum Beispiel in Form eines Chatbots haben. Die Deutsche Telekom geht da mit gutem Beispiel voran und hat eine entsprechende Selbstverpflichtung beschlossen. Der Kunde kann entscheiden: Nehme ich den Service der Maschine in Anspruch oder nicht?

Wie kann ein Betriebsrat Künstliche Intelligenz überwachen?

Momentan gelten Regeln aus dem Jahr 1972, damals wurden die entsprechenden Abschnitte im Betriebsverfassungsgesetz novelliert, die sich mit der Überwachung von Beschäftigten befassen. Bei maschineller Leistungskontrolle hat der Betriebsrat mitzubestimmen. Betriebsvereinbarungen haben in dem Sinne jahrzehntelang festgelegt, welche Daten ins System rein kommen und welche Auswertungen zulässig sind. Dieser Mechanismus funktioniert bei KI nicht mehr richtig. KI soll Muster in Daten erkennen, die vorher nicht erkannt worden sind. Dann können vorher auch kaum die zulässigen Auswertungen beschrieben sein. Betriebsräte und Unternehmen müssen auf einer übergeordneten Ebene die Ziele und Zwecke definieren.

Muss die Arbeit der Gewerkschaften digitaler werden?

Auf jeden Fall. Wir haben zum Beispiel einen deutlichen Nachholbedarf, was unsere Präsenz in den sozialen Netzwerken angeht. Zudem müssen wir unsere digitalen Möglichkeiten deutlich erweitern. ver.di wird 2019 dazu ein Forschungsprojekt starten. Wir wollen herausfinden, wie ver.di sich mehr zu einer Netzwerkgewerkschaft entwickeln kann. Wir wollen unter anderem die Partizipation an gewerkschaftlichen Entscheidungen verbessern und die ehrenamtliche Arbeit intensiver einbinden. Dabei geht es um die Frage: Welche Algorithmen können uns behilflich sein, um herauszufinden, was die Anliegen unserer Mitglieder sind.


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