Deutscher Gewerkschaftsbund

06.12.2018
Buchtipp

Yuval Noah Harari „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“

Der Autor Yuval Noah Harari wagt mit seinem Buch „Homo Deus“ einen Ausblick auf die Zukunft, in der Menschen Körper und Geist durch digitale und biochemische Technologie upgraden können. ver.di-Vorstandsmitglied Lothar Schröder hat das Buch für uns rezensiert.

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Digitale Technologie basiert auf naturwissenschaftlichen Regeln. Null oder eins – keine Energie oder Energie. Man sollte meinen, dass diese nüchterne Logik davor schützt, Irrwege zu beschreiten. Doch genau diese Rationalität der digitalen Welt ist Grundlage für eine neue, mächtige Religion, glaubt der israelische Historiker und Autor Yuval Noah Harari. In seinem brillant geschriebenen Buch „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“ skizziert er, wie der Glaube an die Macht der Daten – der Dataismus – entstanden ist und unsere Welt schon heute prägt: „Im Augenblick sitzt nur ein Kandidat im Empfangsraum der Geschichte und wartet auf ein Vorstellungsgespräch. Dieser Kandidat ist die Information. Die interessanteste Religion, die gerade entsteht, ist der Dataismus, der weder Götter noch Menschen verehrt – er huldigt den Daten.“ Das gesamte elfte Kapitel widmet Harari dieser neuen Religion. Unter anderem stellt er fest, dass Dataisten – die Gläubigen der neuen Religion – wenig Vertrauen in menschliches Wissen und menschliche Klugheit haben, sondern auf Big Data und Computeralgorithmen vertrauen.

Lothar Schröder, ver.di-Vorstand

Lothar Schröder ist im ver.di-Bundesvorstand unter anderem für das Thema Digitalisierung zuständig und liest nicht nur berufsbedingt leidenschaftlich gerne Bücher zu diesem und vielen weiteren Themen. ver.di

In anschaulichen Bildern führt der Autor aus, wie gewaltig das Universum ist, das aus Datenströmen besteht, die mittels Algorithmen verknüpft sind. Die menschliche Vorstellungskraft sei lediglich das Produkt biochemischer Prozesse. Das auf den Menschen fixierte Weltbild werde nun durch eine datenzentrierte Sicht abgelöst. Bewusste Intelligenz werde durch in vielerlei Hinsicht überlegende, nicht-bewusste Algorithmen ersetzt. Um diesen Schritt überhaupt nachvollziehen zu können und Zugang zu neuen Bewusstseinsebenen zu erhalten, waren Menschen dabei, ihren Körper und Geist zu erweitern – mit digitaler Technik und Biotechnologie. Der Mensch werde damit zum „Homo Deus“. Den Weg zu dieser Gott-Werdung des Menschen beschreibt Harari eindrucksvoll.

"Die Kunst Hararis besteht darin, Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft zu verbinden und zu verdichten."

Er schildert, wie Menschen in den vergangenen Jahrtausenden von Kriegen, Hunger und Krankheiten gegeißelt wurden und kommentiert den sozialen Fortschritt. Digitale Technologien und Biotechnologie könnten heute dazu beitragen, eine große Ungerechtigkeit bei der Verbesserung der Lebensumstände entstehen zu lassen. Eine bestimmte Gruppe von Menschen, jene mit großen Einkommen, können sich künftig Vorteile verschaffen, indem sie sich physisch und mental upgraden. Für sie könnte das Streben nach vollkommenem Glück und Unsterblichkeit den Kampf gegen den Tod durch Krankheit ablösen. Eine bessere medizinische Versorgung durch Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie könnte dazu führen, dass Menschen deutlich älter als 100 Jahre werden können. Welche Konsequenzen hat das für das soziale Gefüge, für Gesellschaften, für Familien? Harari stellt spannende Fragen: In welchem Verhältnis stehen Kinder und Eltern zueinander, wenn Kinder 100 Jahre und die Eltern 130 Jahre alt sind?


Yuval Noah Harari auf der TED Conference 2015: "Why humans run the world"


Die Kunst Hararis besteht darin, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verbinden und zu verdichten. Ein Beispiel: Die großen Datenkonzerne haben in den vergangenen Jahren riesige Datenmengen eingesammelt. Diese sind das Fundament, auf dem sie den nächsten Level anstreben. Google etwa ist durch die Datenwirtschaft auf dem Weg vom Orakel zum Souverän. Er begründet dies: „Wenn der Algorithmus über so viel Macht verfügt und so viel mehr weiß als wir, kann er uns manipulieren, unsere Wünsche beeinflussen und Entscheidungen für uns treffen.“

Mein Fazit: Hararis Buch ist unglaublich dicht, unterhaltsam und erkenntnisreich, dass man es nicht aus der Hand geben möchte. Wer noch auf der Suche nach einem sinnvollen Weihnachtsgeschenk ist, macht mit „Homo Deus“ alles richtig.

Yuval Noah Harari „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“, 653 Seiten mit 55 Abbildungen, 5. Auflage, C.H. Beck Verlag, ISBN 978-3-406-72786-3, 14,95 Euro

 

 


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