Deutscher Gewerkschaftsbund

23.09.2019

Künstliche Intelligenz: Eine warme Stimme

Künstliche Intelligenz kann die Welt verändern, vielleicht radikaler als die Erfindung der Elektrizität. Doch wo führt das hin? Werden Maschinen am Ende den Menschen steuern? ver.di-Vorstand Lothar Schröder und der Journalist Markus Franz haben ein spannendes und anekdotenreiches Buch über Chancen und Risiken von KI geschrieben.

Die gute Nachricht zu Beginn: Es gibt physikalische Grenzen für das Wachstum von Speicherkapazitäten und Prozessorleistungen. Dadurch wird zwangsläufig auch die Entwicklung von selbstlernenden Maschine begrenzt. Hinzu kommen ökonomische Limits: Das menschliche Gehirn ist unglaublich effizient bei geringem Energieaufwand. So verbraucht es etwa 20 Watt im Jahr, das entspricht in den USA einer jährlichen Stromrechnung von rund 20 Dollar. Ein Computer mit ähnlicher Leistung kostet eine Milliarde US-Dollar, wie der deutsche Journalist Andrian Kreye ausgerechnet hat.

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Mit diesem und vielen weiteren Beispielen beschreiben die Autoren kurzweilig aktuelle Entwicklungen zu KI. Dabei erschöpft sich das Buch auf den rund 90 Seiten nicht in reiner Deskription, sondern kommt auf den Punkt: „Ja, Künstliche Intelligenz ist auch eine Chance. Schon allein deshalb, weil sie uns zwingt, die Ärsche hochzukriegen.“

Eine warme Stimme: KI-Szenarien im Blick

Der ungewöhnliche Titel des Buches „Eine warme Stimme schleicht sich in dein Ohr“ verweist auf drei verschiedene Szenarien, welche Rolle KI künftig spielen könnte. In allen weckt eine KI-Matratze einen Menschen und meldet mit einer „warmen Stimme“ den aktuellen Gesundheitsstatus. Den Unterschied macht dabei jeweils das Ausmaß der Überwachung aus. Während im ersten Beispiel die Maschine nur einen Hinweis auf den erhöhten Cholesterinwert gibt und sich mit dem Rat begnügt, vegetarisch zu essen, sanktioniert in den beiden folgenden Szenarien die Krankenkasse Fehlverhalten mit teuren Tarifen. Fakt ist: An solchen Szenarien arbeiten Konzerne – allen voran Amazon. Der US-Konzern gab kürzlich bekannt, er wolle künftig auch Versicherungen anbieten.

In acht Kapiteln seziert das Buch, in welchen Bereichen die Menschen aktiv werden müssen, damit die Zukunft nicht von US-Konzernen dominiert werden, sondern Fortschritt allen zu Gute kommt. Unter anderem geht es dabei um Jobs/Bildung/Weiterbildung, Demokratie und Europa, Gute Arbeit I und II, Gleichberechtigung, Mitbestimmung und Datenschutz.

Verbindungslinien zwischen aktuellen Trends und historischen Vorlagen

Beim Abwägen von Chancen und Risiken zeichnen Schröder und Franz Verbindungslinien zwischen aktuellen Trends und historischen Vorlagen: Die Industrialisierung habe viel Elend über die Menschen gebracht. Doch das müsse sich in Zeiten der digitalen Revolution nicht wiederholen. Die heutige Gesellschaft sei emanzipierter, gebildeter, schlauer und fordernder als die Menschen im 19.Jahrhundert. Sie sind sich sicher: „Wir rutschen jedenfalls nicht unbedacht in eine Entwicklung hinein. Und lassen sie schon gar nicht ohne Rücksicht auf Verluste geschehen.“ Wenn alle mitmachen und darauf bestehen, was ihnen wichtig ist, könne durch KI vieles besser werden.

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Selbst die Hohenzollern-Monarchen werden als Best-Practice-Beispielgeber herangezogen. Immerhin habe Kaiser Wilhelm II. als Reaktion auf die industrielle Revolution massiv in Bildung investiert und Technische Hochschulen gegründet. Diese haben dazu geführt, dass im Deutschen Reich achtmal mehr Ingenieure ausgebildet wurden als in Großbritannien. Bis heute gilt der Hochschul-Boom als Grundstein für die deutsche Ingenieurskunst.

Gewerkschaftlichen Antworten und Lösungen

Im letzten Kapitel liefert das Buch acht Seiten mit gewerkschaftlichen Antworten und Lösungen, um aktuelle Trends und Probleme in Bahnen zu lenken. Von einer Berufsethik für ProgrammierInnen über Robotersteuer, KI-Produkthaftung bis hin zu gewerkschaftlichen Klassikern wie der Förderung von Frauen in MINT-Fächern, Gefährdungsanalysen, mehr Mitbestimmung, Datenschutz und Weiterbildung reichen die Vorschläge. Das Buch richtet den Blick auch auf Themen, die aktuell noch jenseits der politischen Beschlusslage liegen.

Lothar Schröder/Markus Franz: Eine warme Stimme schleicht sich in dein Ohr – Fluch und Segen von Künstlicher Intelligenz. Gewerkschaftliche Antworten; 96 Seiten; 8,00 Euro; VSA-Verlag


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