Deutscher Gewerkschaftsbund

13.12.2018

Arbeiten in der Cloud: Solidarität ist Freiheit

Durch die Digitalisierung der Arbeitswelt sind Gewerkschaften gefordert, neue Wege zu finden, um das immense Potenzial in sozialen Fortschritt umzuwandeln. Sie brauchen ein „Neues Narrativ der Solidarität“ meint Autorin Sandra Siebenhüter und zeigt am Beispiel der Cloudarbeit, was zu tun ist.

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„Digitalisierung ist gut für meine Firma“: Zwei Drittel der Befragten meinen, laut einer aktuellen Microsoft Studie, dass digitale Technologie die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Organisation verbessert. Doch ist Digitalisierung auch gut für die Beschäftigten? Etwa die Hälfte hat bei Einführung neuer Technologien Angst vor Rollen- und Aufgabenänderung. Zudem sorgen sie sich um den eigenen Arbeitsplatz.

Gewerkschaften: Zielkonflikte voraus

Unbestritten ist das riesige wirtschaftliche Potenzial des digitalen Wandels: vernetzte Menschen und Prozessketten (Internet of Things, Industrie 4.0), die Analyse von großen Datenmengen (Big Data), sowie das Arbeit in der Cloud – also dem zeitlich und räumlich unbeschränkten Zugriff auf zentral gespeicherte Daten -  sind nur einige Säulen, die unsere Welt verändern. Doch auf individueller Ebene macht sich bei Beschäftigten ein gewisses Unbehagen breit. Ebenso sind Gewerkschaften hin- und hergerissen zwischen den wirtschaftlichen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung (Unternehmensziel), den möglichen Freiheitsgewinnen für die Beschäftigten (Individualziel) und den Chancen für kollektives Handeln (Gewerkschaftsziel). Grundsätzlich sind Vernetzung und Freiheit für die Beschäftigten keine Gegensätze, sondern bedingen sich gegenseitig. Insbesondere die raum- und zeitunabhängige Arbeitsgestaltung sind einmalig und ermöglichen ArbeitnehmerInnen eine hochgradige Zeitautonomie. Auch Individualisierung und Solidarität müssen keine Gegensätze sein. Individualisierung heißt auch über Handlungsoptionen zu verfügen und damit bewusst die Entscheidungsfreiheit für solidarisches Handeln zu haben, abseits des sozialen Drucks „Das haben wir schon immer so gemacht“.


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Cloudarbeit: Neue Qualität der Zusammenarbeit

Die horizontale und vertikale Vernetzung von Kommunikations- und Arbeitsprozessen zwischen Mitarbeitern und Kunden schreitet voran. Cloudbasierte Software wie zum Beispiel Salesforce oder Microsoft 365 führt zu immensen Effizienzgewinnen und Produktivitätssteigerungen. Beiläufig werden dadurch jedoch legitimationsbedürftige und strukturgenerierende Technologien zur voranschreitenden Vernetzung und lückenlosen Überwachung zum sozialen Standard. Mit anderen Worten: Es werden weitreichend Daten von Beschäftigten und Kunden gesammelt, gespeichert und analysierbar.

Microsoft 365: Der Arbeitgeber hat alles im Blick

So wird u.a. bei Microsoft 365 registriert: Mit wem chatte, maile und telefoniere ich? Welche Personen stehen in meinem Adressbuch? Welche Dateien öffne, verarbeite und versende ich? Wie häufig, wie lange und auch zu welcher Uhrzeit greife ich auf welche Anwendungen des Microsoft-Paketes zu? Diese Auswertungen geben Auskunft, in wieweit ein Mitarbeiter zu „ungewöhnlichen Zeiten“, mit „ungewöhnlichen Menschen“, d.h. von andere Standorten, andere Hierarchien, andere Abteilungen oder auch nach Außen, Kontakte pflegt und damit wie systemkonform er sich verhält. Kombinieren wir diesen dadurch entstehenden sog. Social Graph mit einer Vorschau auf zukünftiges Verhalten steht fest: Das Unternehmen weiß nicht nur was wir machen und was wir denken, sondern es weiß auch wie wir es machen und wie wir denken.

Salesforce schränkt Spielräume für Beschäftigte ein

Ähnlich bei Salesforce: Die Auswertung jeglicher Form von Daten über die Kunden, um diesen einen möglichst individuellen Services anbieten zu können, macht vor den Beschäftigten nicht halt. Vorgesetzte können in Echtzeit individuelle Verkaufsziele von Mitarbeitern oder Teams mit ihren tatsächlich erzielten Ergebnissen vergleichen und diese bei Bedarf persönlich ansprechen, um deren Leistung zu steigern. Zudem verhindern automatisch rekursive Steuerungstechnologien (Feedbacksysteme), dass mögliche Spielräume in der Aufgabenerfüllung begrenzt werden. Kennzahlen von Einzelnen und  Gruppen werden für die Kollegen sichtbar, um den Wettbewerbsgedanken zu implementieren und die Leistungsbereitschaft zu erhöhen.

Arbeiten in der Cloud: Alle Daten im Dashboard

Beiden Programmen ist gemein: Die eigentliche Macht bleibt im Hintergrund. Zwar werden Prozesse dezentralisiert. Allerdings laufen alle Daten über diese Prozesse zentral zusammen und können vom Unternehmer in einem Dashboard ausgelesen und analysiert werden. Damit ist Cloudsoftware ein neues unglaublich effektives Herrschaftsinstrument aus Sicht der Arbeitgeber und ermöglicht eine umfassende Kontrolle der Belegschaft.

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Individualisierung: Autonomiegewinne vs. Kontrolle

Obgleich die Menschen in softwaregestützten Arbeitsprozessen miteinander verbunden sind – also etwa in Videokonferenzen oder Team-Chats, haben sie kaum noch Gelegenheit sich informell über ihre Arbeit auszutauschen. Der Schritt zur Anonymität und Isolierung des produktiven Menschen schreitet damit in vielen Branchen voran.

Das Machtungleichgewicht in der Cloud

Die organisationale Dezentralisierung erzeugt nicht nur „ausgefranzte“ Betriebe (Arbeitszeit, Arbeitsort, Arbeitskultur, Verdienst) und hochgradig individualisierte Leistungssubjekte, sondern verschleiert das Machtungleichgewicht zwischen dem systemsteuernden, kontrollierenden Unternehmen und dem systemnutzenden Beschäftigten.

Solidarität: Bewusstwerden des gemeinsamen Schicksals

Für solidarisches und emanzipatorisches Handeln im Sinne der Gewerkschaften ist es aber unabdingbar, dass Beschäftigte sich als ein „Miteinander“ wahrnehmen, um ihre Arbeitsverhältnisse zu vergleichen, zu bewerten und daraus ein gemeinsames Interesse zu formulieren. Die vielen vereinzelt arbeitenden Beschäftigten in der Cloud müssen zu einer Einheit zusammengeführt werden – um einen Zustand innerer Verbundenheit und eines Wir-Gefühls zu erreichen.

Mit Online-Petitionen Druck aufbauen

Zwar sind Digitalisierung und Solidarität nicht zwangsläufig Antipoden. Gewerkschaften ist es in der Vergangenheit häufiger gelungen, online für ein Thema zu sensibilisieren und zu mobilisieren, wie etwas bei den Arbeitsbedingungen der Essens-Lieferdiensten, wie Foodora oder Deliveroo. Zumeist aber erzeugen Online-Petitionen oder Online-Demos eher einen moralischen, denn einen tatsächlichen wirtschaftlichen Druck (außer vorübergehend schlechte Presse) auf ein Unternehmen. Dieser ist jedoch Voraussetzung für die die Durchsetzung von fairen  Arbeitsbedingungen.

Neues Narrativ der Solidarität notwendig

Solidarität von Menschen gelingt nur über reale Begegnungen und dem Erkennen „wir sitzen alle in einem Boot“. Nur im face-to-face Kontakt wird die Vertrauensbasis und der Mut erzeugt, dass sich Menschen über Arbeitsbedingungen austauschen und für deren Verbesserung einsetzen. Vor dem eigenen Laptop oder Smartphone ist jeder am Ende doch alleine. Und auch wenn Gewerkschaften digitale Werkzeuge nutzen, um die Ur-Idee des Internets „demokratische Beteiligungsformen“ im Betrieb umzusetzen, sind die Möglichkeiten endlich. Die Durchsetzung guter Arbeitsbedingungen und verlangt solidarisches Handeln mit hoher Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit.

Neoliberale Slogans dechiffrieren

Für GewerkschafterInnen ist im Gegenteil die große politische Herausforderung, verlockenden Begrifflichkeiten eines neo-liberalen Diskurses – die da heißen: „Freiheit und Individualität“ – auseinanderzunehmen, zu dechiffrieren und der rein ökonomischen Verwertbarkeit zu entreißen. Wir müssen kritisch nachfragen: Handelt es sich bei den Versprechungen von Flexibilität, Autonomie und Individualisierung um einen echten Zugewinn an persönlicher Freiheit oder ist es eher ein „vergiftetes Geschenk"?

Echte Freiheit im Analogen

Die smarte, subtile Macht unterdrückt uns nicht, aber sie diszipliniert uns (lesenswert: Byung-Chul Han: Psychopolitik). Die im Arbeitskontext – aber auch im Privaten - fortschreitende Individualisierung und Selbstoptimierung, um im Echtzeit-Wettbewerb zu bestehen, macht eine Ausbeutung der Freiheit auf eine autoritäre und intransparente Weise möglich. Daher ist es dringend geboten, dass wir als GewerkschafterInnen einen neuen Rahmen setzen, innerhalb dessen Freiheit und Individualität diskutiert wird. Dieser Rahmen lautet „Solidarität ist Freiheit“ und macht zugleich deutlich: „Freiheit ist ein Gemeinschaftsprojekt“. Nur im Schutz der Gemeinschaft und in der echten Begegnung mit Menschen, die solidarisch füreinander einstehen, erfahren wir echte Freiheit, in der Individualität gezeigt und gelebt werden kann. Nicht im Wettbewerb auf digitalen Plattformen mit Echtzeitvergleich.

Sandra Siebenhüter - www.sandra-siebenhueter.de


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