Deutscher Gewerkschaftsbund

09.05.2019

Transformation: Wir brauchen Querdenker und Generalisten

Damit die betriebliche Transformation gelingt, braucht es mehr Querdenker und Generalisten, fordert Sandra Siebenhüter. Zudem seien neue Wege in der Mitarbeiterqualifizierung nötig.

Mann mit vielen Armen

Colourbox

„Fast zwei Drittel unserer Fachleute sind der Auffassung, dass uns in Deutschland die Kompetenzen fehlen, KI-Technologien effizient einzusetzen“, so VDI-Präsident Dr. Volker Kefer zum Auftakt der diesjährigen Hannover Messe. Auch fühlen sich immer mehr Berufseinsteiger und Studierende nicht ausreichend auf die Digitale Transformation vorbereitet und Studenten, Auszubildende und betriebliche Praktiker spüren immer mehr, dass die Bologna-Reform und die  zunehmende Spezialisierungen technischer Berufe eine Sackgasse sein könnte. Berufsfelder werden immer weiter eingeengt und das interdisziplinäre Denken tritt in den Hintergrund, so die Ergebnisse einer Studie der Mercator Stiftung. Vielleicht ist es an der Zeit die betrieblichen Potentiale mehr in den Blick zu nehmen?

Immer mehr vom Gleichen

Eines ganzheitlichen Blicks bedarf es, wenn wir über Transformation sprechen. Denn auch wenn die Veränderungen in Gänze noch nicht abschätzbar sind, so nimmt die Komplexität von Produktion, Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung zu. Doch noch halten viele Unternehmen an ihren bisherigen Produktions- und Vertriebsmethoden fest, auch die Verwendungsfelder ihrer Produkte ändern sich kaum. Sicherlich werden in der Produktsteuerung (RFID-Chips, Traceability), in der Produktion (Cobots, Datenbrillen, Simulationen) oder auch in den Produkten (Sensoren zur Fernwartung) digitale Elemente eingesetzt und verbaut, doch dies reicht nicht aus. Denn das Denken dahinter ist immer noch das Gleiche: Effizienz,- und Produktivitätssteigerung durch Prozess- und Produktverbesserung. 

Benötigt wird jedoch ein Rollenwechsel im Denken. Innovative Produkte verfügen nicht nur über digitale Technologien, damit sie günstiger hergestellt und bequemer bedient werden können, sondern sie bieten in einem neuen Eco-System nie dagewesene Einsatzmöglichkeiten. Um diese neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, müssen wir drei Dinge in unseren Betrieben noch viel besser verstehen:

1. Was kann unser Produkt alles leisten, welche Erfahrungen haben wir bisher damit?

2. Was wollen unsere Kunden mit unserem Produkt alles machen und mit welchen Anforderungen sind sie in ihrer Anwendung konfrontiert?

3. Was kann unser Produkt über das bisherige hinaus durch neue Kontextbedingungen noch leisten?

Diese Fragen scheinen zunächst banal, doch sie zu beantworten ist nicht einfach, denn dieses Wissen ist in unterschiedlichsten Abteilungen im Unternehmen zu finden und muss zusammengeführt werden.

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Das echte Potential: Daten und Menschen und Wissen

IKEA macht‘s vor: Mitarbeiter machen Hausbesuche und lernen, was Kunden möchten und für was sie bisherige Produkte verwenden, für die sie eigentlich gar nicht konstruiert sind. Indem das schwedische Möbelhaus das Wissen, die Wünsche und die Kreativität aller Möbelkäufer nutzt, um ihre eigenen Produkte weiterzuentwickeln ist es reaktionsschnell und baut „Produkt und Umwelt“ neu zusammen. Auch für unsere Betriebe brauchen wir diese Herangehensweise:

Die Fachbereiche (Forschung und Entwicklung und Vertrieb und Produktion) müssen ihr bisher separiertes Wissen zusammentragen und gemeinsam darüber kommunizieren, was sich aus diesen Daten machen lässt. Dazu braucht es abteilungsübergreifendes Vertrauen und Menschen mit Technik,- Erfahrungs,- und Kontextwissen. Denn Produkte und deren Einsatzfelder sind komplexe Systeme, die es zu verstehen gilt und im interdisziplinären Austausch neu gedacht werden müssen.

Daten ohne Wissen sind tot

Fehlende KI-Kompetenzen scheinen aktuell das größte Problem der deutschen Industrie zu sein, Datenanalysten gehören aktuell der meistgesuchten und hochbezahlten Berufsgruppe an. Sie besitzen das handwerkliche Know How immense Datenmengen aus unterschiedlichsten Quellen zusammenzuführen, zu analysieren, auszuwerten und dabei Korrelationen und Muster zu erkennen. Ohne Frage ist dies ein wichtiger Baustein für unsere wirtschaftliche Zukunft, doch es reicht nicht, nur Daten zu sammeln und auszulesen.

Um das Wissen dahinter zu schöpfen, also aus den Daten wertvolle Informationen zu machen und daraus wiederum neue Geschäftsfelder, Dienstleistungen, Services und Wertschöpfungsideen zu entwickeln, bedarf es Menschen, die beurteilen können, ob die gefundenen Korrelationen und Muster tatsächlich neu, sinnvoll und intelligent sind. Das geht nur mit betrieblichen Experten, welche die Phänomene aus den Datenauswertungen verstehen und mit der Realität abzugleichen in der Lage sind. Dieses Wissen ist einzigartig und ein echter Schatz, der gehütet und in den investiert werden muss.

Qualifizierung auf ein konkretes Ziel

Gewerkschaften und Politik fordern eine Qualifizierungsoffensive, diese ist unbestritten notwendig, doch wir müssen auch noch andere Fragen stellen, um die betriebliche Transformation zu schaffen:

1. Wie gelingt es, dass in den Betrieben Produktwissen, Erfahrungswissen und Technikwissen zusammengebracht wird?

2. Wie schaffen wir den Beschäftigten Freiräume, dass sie sowohl zeitliche Spielräume wie auch eine inspirierende Umgebung haben, um gemeinsam Nachzudenken?

3. Wie gelingt es, dass wir gemeinsam neue Kompetenzen fördern und den Mut für neue Ideen entwickeln?

An dieser Stelle muss Qualifizierung neu gedacht werden: Nicht nur das WAS, sondern auch das WIE gilt es weiterzuentwickeln. In Zukunft gilt es nicht nur technisch funktional zu denken, sondern auch für bestehende Produkte neue Verwendungsmöglichkeiten und Dienstleistungen anzubieten. Denn nur durch noch bessere Technikentwicklung manövrieren wir uns in eine Sackgasse, die Kosten- und Rationalisierungsdiskussion damit vorhersehbar.

Wissenscontainer aufbrechen

Doch dieser Kompetenzansatz erfordert auch neue Herangehensweisen in der Mitarbeiterqualifizierung und diese muss gemeinsam in den Fachbereichen – die zugleich eine Form von Wissenscontainer sind – und über diese hinaus entwickelt werden. Die Personalabteilungen sind immer weniger in der Lage dieses zu beurteilen, da sie sowohl vom Produkt wie auch vom Prozess zu weit entfernt sind. Es wird eine sehr spezifische, auf die jeweilige Abteilung und den jeweiligen Betrieb zugeschnittene Qualifizierung benötigt, die passgenau ist für das Produkt, seinen Herstellungsprozess und die Kundenanforderungen.

Wir benötigen eine Diskussion auf Augenhöhe zwischen den Mitarbeitern verschiedener Fachabteilungen. Wir brauchen eine Sichtbarmachung des bereits vorhandenen Wissens und von Ideen. Nur durch ständiges Nachdenken, Mitreden und Streiten – man nennt das auch Demokratie – darüber wie unsere betriebliche Zukunft aussehen kann, entwickeln wir auch Bilder von dieser Zukunft.

Der Weg der aktuellen Ausbildung zu immer mehr Spezialisierung treibt uns in eine Sackgasse, lässt Wissensinseln im offenen Meer entstehen, die keinen festen Grund mehr haben. Letztlich sind sie Kreativitätsverhinderer. Technikgläubigkeit und eine alleinige dahingehende Bildungsoffensive werden uns mehr Probleme schaffen als Lösungen finden lassen.

Querdenker, Generalisten im Betrieb willkommen

Wir brauchen Querdenker, Generalisten und "Spinner", um pfiffige und unkonventionelle Lösungen zu finden. Einige Großkonzerne haben dies schon erkannt und definieren Stellenanzeige immer unspezifischer, denn Querdenker haben vielfach keinen linearen und durch-optimierten Lebenslauf. Unsere Chance liegt darin, dass wir unsere Investition in Menschen, ihre Zusammenarbeit, eine gemeinsamen Kompetenzentwicklung stecken und damit über den Horizont von technischer Machbarkeit hinausschauen. Die Ideen liegen in unseren Betrieben, wir müssen uns sie nur zu denken trauen und uns mit unseren Kolleginnen und Kollegen mit Begeisterung in das Experimentieren werfen. Denn die Zukunft wird im Betrieb gemacht und muss auch von dort aus gedacht werden.

Text von Dr. Sandra Siebenhüter

 

 


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