Deutscher Gewerkschaftsbund

03.08.2020
Gewerkschafterin auf TikTok

„Da sind die Menschen, die wir erreichen wollen!“

TikTok ist das weltweit am schnellsten wachsende soziale Netzwerk. In Deutschland nutzen bereits mehr 5,5 Millionen Menschen die chinesische App und stellen täglich hunderttausende kurze Videos online. Neben vielen bunten und schrägen Inhalten, geht es auch um ernsthafte Themen. Die Gewerkschafterin Maria Engfer-Kersten ist mit einem privaten Account dabei und berichtet im Interview über ihre Erfahrungen.

Maria Engfer-Kersten auf TikTok

Maria Engfer-Kersten

Maria, auf TikTok bist du vermutlich die weltweit erfolgreichste Gewerkschafterin. Wie kam es dazu?

Das Kompliment schmeichelt mir, allerdings weiß ich nicht, ob du damit Recht hast. Ich bin seit fast anderthalb Jahren mit einem privaten Account auf TikTok aktiv. Ich habe Spaß an dem Format. Ich wollte testen, wie das Netzwerk funktioniert und ob man mit politischen Inhalten und Solidarität und Fairness Menschen erreichen kann. Hauptberuflich bin ich Gewerkschaftssekretärin in der Hauptverwaltung der IG BCE in Hannover. Dort entwickle ich Mitgliederkommunikation und -kampagnen. Die Videos drehe und veröffentliche ich aber ausschließlich privat.

Die Nutzenden auf TikTok sind sehr jung. Wie erreichst du sie?

Genau, die Mehrheit ist vermutlich 20 Jahre oder jünger. TikTok ist vor allem bei der Generation Z und den Millennials beliebt. Mittlerweile melden sich aber auch viele 30-40 Jährige an. Und das ist ja eine Zielgruppe, die wir Gewerkschaften gerne erreichen wollen!

Wer auf TikTok wahrgenommen werden will, muss sich an die Sehgewohnheiten der Plattform anpassen: Maximal 60 Sekunden Zeit gibt es, um Inhalt rüberzubringen. Das klappt nur, wenn man auf schnelle Schnitte, knackige Botschaften und Unterhaltungswert setzt – und allen überflüssigen Schnickschnack lässt. Ich überlege mir also vorher genau, was die Botschaft ist und wie ich diese rüberbringen will.

Für Gewerkschafts-Content und politische Inhalte ist das eine Herausforderung und mit Sicherheit komplizierter, als mal eben ein Tanz- oder Lipsync-Video zu machen – aber macht eben auch Spaß!

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Worum geht es in deinen Videos?

In den Posts spreche ich über politische Themen und Werte, die mir wichtig sind und für die Gewerkschaften einstehen. Es geht um Gerechtigkeit, Fairness in der Arbeitswelt oder Toleranz. Zum Beispiel habe ich während der Proteste der Black lives matters-Bewegung in den USA ein Video veröffentlicht, in dem ich über Rassismus am Arbeitsplatz gesprochen habe.

Wie war die Resonanz?

Den Post haben über 140.000 Menschen gesehen. Rund 10.000 haben den Beitrag geliked. Das ist eine Reichweite, die gewerkschaftliche Accounts auf Facebook oder Twitter nur selten erreichen. Das Besondere am Algorithmus von TikTok ist: Auch Profile mit wenig Followern können mit einem einzelnen Post Hunderttausende erreichen. Kein anderes soziales Netzwerk kann in Fragen von Reichweite aktuell mithalten. Die Plattform ist aber auch ein sehr schnelles Medium. Du musst die Nutzenden innerhalb der ersten drei Sekunden überzeugen, sonst scrollen sie zum nächsten Video. Icons, Emojis und Texteinblendungen helfen, die Aufmerksamkeit zu halten.

Wie drehst du deine Videos?

Ich nehme die Posts ausschließlich mit meinem Smartphone auf. Um die Videos im Anschluss zu schneiden, nutze ich einen kostenlosen Video-Editor, den ich im App-Store runtergeladen habe. Einzige Anschaffungen bisher sind ein Ringlicht, das mein Gesicht gut ausleuchtet und ein Ansteckmikrofon für guten Sound. In der Regel benötige ich nicht länger als 30 Minuten für ein Video. Für die letzten Veröffentlichungen habe ich gerade mal zehn Minuten gebraucht.

Auf Facebook, Twitter und Youtube sind Hass und Hetze weitverbreitet. Wie sieht es auf TikTok aus?

Leider machen sich auch dort rechte Trolle und Hetzer breit. Insgesamt ist die Plattform gerade in den letzten Monaten viel politischer geworden. Die Black-lives-matter-Bewegung hat dazu beigetragen, dass viele junge Leute sich auf der Plattform politisch positionieren und sich das Themenspektrum der Videos auf TikTok verbreitert. Auch die AfD versucht sich auf der Plattform, nach meinem Eindruck bislang als einzige Partei.

Generell gilt, dass gewerkschaftliche Themen auf TikTok durchaus kontrovers wahrgenommen werden. Mir ist das sehr recht. Kontroverse führt zu mehr Interaktion mit den Nutzenden und mehr Reichweite. Und es ist wie im analogen Leben: Rechte Trolle sind zwar laut, aber alle anderen sind deutlich in der Mehrheit! Und für die mache ich meine Inhalte.

Extremes Zeug lösche und melde ich. Ansonsten versuche ich, auf möglichst alle Kommentare einzugehen und ihnen zu antworten. Gerade weil die Plattform so rasant ist, ist es viel wert, wenn sich jemand die Zeit nimmt und ein kurzes Statement abgibt. 

TikTok ist sehr umstritten. DatenschützerInnen und PolitikerInnen warnen vor der App, da sie von einem staatsnahen, chinesischen Unternehmen betrieben wird.

Da mache ich mir nichts vor. TikTok betont zwar, Datenschutz ernst zu nehmen, aber ich würde nicht darauf wetten, dass das eine saubere App ist.
Es ist eine Abwägungssache, TikTok zu nutzen – was im Übrigen für alle sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram, aber auch für Anbieter wie Google und Apple gilt. Daten werden im Hintergrund gesammelt und genutzt.
Ich habe mich entschieden, soziale Netzwerke zu nutzen und dort präsent zu sein. Ich nutze die App für eine gute Sache. Ich veröffentliche Posts zu Positionen, die in China, Russland oder anderen autoritären Ländern verboten wären. Und ich freue mich, wenn sich andere Gewerkschafter*innen und Leute aus der Politik anschließen!

Wer Maria auf TikTok folgen möchte, ihr Account-Name lautet maria.gewerkschafterin


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